Klassentreffen
Neulich, nach vielen Jahren, fand unser erstes Klassentreffen statt. Die meisten waren gekommen, interessiert zu hören, wie es den ehemaligen Mitschülern ergangen war. Viele wurden durch alte Geschichten mit lustigem und melancholischem Inhalt angerührt und bei einigen zeigten sich Tränchen. Mancher musste zu diesem Treffen in die „alte Heimat“ anreisen und so war es naheliegend, dass sich Gespräche auch um den Begriff „Heimat“ drehten. Einige, jedoch längst nicht alle der Anwesenden, waren sich einig, dass dies nur der Geburtsort sein konnte, da, wo man seine Wurzeln hat. Nun entfachte eine Diskussion. Die unterschiedlichsten Meinungen waren zu hören:
»Der Ort, an dem ich jetzt lebe, ist zu meiner Heimat geworden. Ich habe mich neu verwurzelt.«
»Ich fühle mich nur in mir selbst zu Hause, besonders dann, wenn ich das tue, was mir Identität gibt.«
»Wo meine Kinder geboren sind, ist meine Heimat.«
»Da ich oft umgezogen bin, konnte ich nirgendwo richtig einwurzeln. Vielleicht fühle ich mich deshalb heimatlos?«
»Mein Geburtsort war nie ein Zuhause, eine Heimat für mich. Die Lebensumstände waren sehr schwierig. Es ist mir schwergefallen, heute hierher zurückzukommen.«
»Ich habe es versäumt, meinen Heimatort zu verlassen. Hätte das meinen Horizont erweitert? Kann ich es jetzt noch wagen?«
»Meine Heimat ist in meinem Glauben, in meiner Religion verankert.«
»Wenn ich im Urlaub am Meer oder im Hochgebirge bin, spüre ich Heimatgefühle, weil ich bis zum Horizont schauen kann. Vielleicht darüber hinaus, um eine andere Art von Heimat zu entdecken.«
Unser Klassenlehrer hatte aufmerksam, schweigend zugehört. Jetzt räusperte er sich kurz, um sich dann mit klaren, gut hörbaren Worten Gehör zu verschaffen. So war er schon damals gewesen, wenn es im Klassenraum zu laut wurde. Ein genialer Pädagoge, der sich gerecht, durchsetzungsstark, glaubhaft und wohlwollend freundlich verhielt. Ein Mann mit charismatischer Ausstrahlung. Viele Mädchen schwärmten für ihn. Er sagte: »Gerne würde ich einige Sätze zum Thema Heimat hinzufügen. Ich fühle mich da zu Hause, heimatlich, wo ich ganz ich selbst sein kann, keine Rolle spielen muss, mich die Menschen wertschätzen, lieben, so wie ich bin. Das bedeutet Freiheit für mich und deshalb auch Heimat. Herzlichen Dank allen, die so offen über ihre Gefühle gesprochen haben. Es hat mich sehr berührt, ich habe mich Euch nah gefühlt.«
Viele der Teilnehmer stimmten ihm zu, da es auch ihnen so ergangen war. Durch die offen geführte Diskussion war auch eine allgemeine Nähe entstanden, auch körperlich, denn wir saßen, und standen jetzt noch enger zusammen. Jemand äußerte ein wenig ergriffen, dass auch Klassentreffen Heimatgefühle auslösen können. Es gab viel Beifall. Vielleicht von allen?
Die Geschichte wurde im Gemeindeblatt Lahntal-aktuell veröffentlicht und an die Vereinsmitglieder der Kunstfreunde Wetter und andere Interessierte weitergeleitet.