Es geht ums "Nah sein", Erbsensuppe und "La Dolce Vita"
Wir saßen alle in der Küche, die gern auch die Schaltzentrale der Familie genannt wird. Es war kurz vor dem Abendessen. »Und Sohnemann, wie war’s beim Zahnarzt?», wollte mein lieber Ernst von unserem Großen wissen. Er zögerte mit einer Antwort. «Großer Bruder, nun sag schon endlich, hat er gebohrt?«, war von unserem Mittleren zu hören. Diesem war es sichtlich peinlich, als er gestehen musste, dass er den Termin vergessen hatte. Jetzt meldete sich unsere Kleine zu Wort. »Vergessen? Gib doch zu, dass du Schiss hattest. Wenn die Mami beim Zahnarzt in meiner Nähe ist, habe ich fast gar keine Angst. Frag doch deine Freundin, ob sie mitkommt. Ihr könnt ja Händchenhalten.« Unsere Kleine kicherte, der Mittlere lachte laut auf.
Jetzt mischte sich Ernst ein. «Da gibt es nichts zu kichern und zu lachen, denn wenn eure Mutter in Situationen, in denen ich mich unsicher oder manchmal auch ängstlich fühle, bei mir ist, fühle ich mich viel entspannter. Händchenhalten kann ich nur empfehlen.» Ernst lächelte mich an. »Ich kann auch verstehen, mein Großer, dass du den Termin vielleicht ganz gern vergessen hast. Unangenehmen Situationen auszuweichen ist menschlich. Kennt jeder.« Ungläubig kam es von unserem Mittleren: »Papa, du bist auch manchmal unsicher und ängstlich?« Unsere Kleine klang fast ein wenig weinerlich, als sie sagte: »Papi, wenn du Angst hast, dann habe ich auch Angst. Kannst du uns denn dann noch alle beschützten, oder muss die Mami das ganz allein machen?« Ich sah den Moment gekommen, Ernst zu unterstützen: »Ich glaube ganz fest, dass der Mut von eurem Papa und meiner immer völlig ausreichen wird, um euch drei zu beschützen und zu unterstützen. Wisst ihr, auch Erwachsene haben Angst. Das ist völlig normal und auch genial, da sie uns vor Gefahren schützt. Aber klar, jeder, ob Groß und Klein, möchte viel lieber immer cool und immer relaxt erscheinen, weil solche Menschen von vielen bewundert werden. Es wird dann eine Maske aufgesetzt und eine Rolle gespielt. Man zeigt nicht sein wahres Ich. Ist bestimmt ein sehr anstrengendes Leben. Ich sah Ernst an: »Schatz, ich finde es toll und freue mich, dass du so offen und ehrlich zu uns bist. Du bist selbstbewusst und wirst deshalb immer ganz du selbst sein, weil du gar nicht anders kannst. Meist mutig und cool, manchmal auch nicht. Ich bewundere dich dafür.« Ernst lächelte. »Schatz, das höre ich sehr gern. Ja, selbst der coole Grönemeyer hat davon gesungen, dass Männer, nicht nur die Frauen auch Menschen sind und sich unsicher und ängstlich fühlen dürfen. Also, Söhnemänner«, er grinste unsere Jungs an, »wenn uns Frauen besonders deshalb lieben und bewundern, dann werde ich eure Mutter bitten, mir beim nächsten Zahnarztbesuch die Hand zu halten.« Unsere Kleine kicherte erneut, die Jungs lachten und waren sich einig, dass diese Szene durchaus vorstellbar wäre. Ernst sah mich an. «Schatz, auch wir Männer finden die Frauen besonders faszinierend, die auch, wie wir, mal mutig sind, mal nicht. Das macht unser Miteinander erst so richtig lebendig. Großartig finde ich das.« »Schatz, freut mich, was du sagst. Ihr werdet jetzt vielleicht etwas enttäuscht sein, aber heute war ich sehr mutig, denn statt der von euch gewünschten Erbsensuppe mit Würstchen habe ich eine leichte Fischsuppe mit Zitrone und viel Gemüse nach einem italienischen Rezept gekocht. Ihr wisst, wie sehr ich Italien und ihre großartige Küche liebe. Es muss ja nicht immer Pizza oder Pasta sein. Mir war heute einfach nicht nach winterlicher Hausmannskost, sondern nach La dolce Vita. Ich wollte euch auf unseren Frühlingsurlaub in Italien einstimmen, dem Land, in dem die Zitronen blühen. Als Dessert gibt es statt Grießpudding mit Himbeersoße eine köstliche Zitronen Tarte.« Unsere Jungs seufzten laut hörbar. Unser Großer meinte, dass ich so mutig nun auch nicht hätte sein müssen. Ernst schmunzelte. »Schatz, als erweitertes Dessert könnte ich mir noch Kaffee mit diesen köstlichen italienischen Cantuccini vorstellen und danach Sekt mit Limoncello. Was meinst du?»
Unser Großer empfahl uns für den absolut perfekten, romantischen Ausklang des Abends italienische Kuschelsongs. Ernst schmunzelte. »Sohnemann, diese Idee hätte von mir sein können, denn als Frauenversteher bekannt, weiß ich, was diese lieben. Schön, dass diesbezüglich die Nachfolge anscheinend gesichert ist.« Unsere Kinder waren sich ausnahmsweise mal einig, dass sie jetzt nicht stören wollten und verzogen sich. Sie schienen froh zu sein, sich endlich Fernseher, Laptop und dem geliebten Handy widmen zu dürfen.
Und wir? Auch wir waren uns einig, und freuten uns endlich zu zweit La Dolce Vita genießen zu können. Bella Italia, wir kommen! Bald!