"Mut zur Lücke"
»Schön, dass ihr da seid. Herzlich willkommen, meine Lieben. Ich muss euch gleich von meinem letzten Wartezimmererlebnis berichten. Es war einfach großartig!« Mit diesen Sätzen begrüßte uns Ernsts Mutter zu einem sonntäglichen Kaffeetrinken. Ihr Wunsch nach vollzähligem Erscheinen war seltsamerweise allen Befehl. Lag es an den köstlichen Torten und dem leckeren Gebäck? Ja, die Männer meiner Familie waren sich in diesem Punkt einig. Ich dagegen war der Ansicht, dass es auch an ihrem herzlichen, manchmal impulsiven Wesen lag. Ernst hat diese Eigenschaften, und genau diese liebe ich besonders an ihm, von ihr geerbt.
»Erni, mach nur langsam. Lass doch erst einmal alle Platz nehmen«, mit diesen Worten beschwichtigte Ernsts Vater meine lebhafte Schwiegermutter. Dieser war ein Beispiel an Geduld, Ruhe und Gelassenheit. Er war der Meinung, dass auch ich diese Eigenschaften hätte. Deshalb wäre ich die perfekte Ergänzung zum Naturell seines Sohnes. Das bekannte Sprichwort, Gegensätze ziehen sich an, hätte seit jeher seine Berechtigung. Mein lieber Ernst war da anderer Ansicht. Gleich und gleich gesellt sich gern, war für ihn das Geheimnis einer gelungenen Beziehung, denn er würde besonders meine erfrischende Lebendigkeit lieben. Meiner Erfahrung nach liegt die Wahrheit, wie meistens, irgendwo in der Mitte.
Noch bevor wir den ersten Bissen vom ersten Tortenstück genießen konnten, verschaffte sich meine Schwiegermutter Gehör: »Also passt auf, meine Lieben. Ihr wisst ja, wie sehr ich die Gedichte von Goethe und Schiller liebe und sie sehr gern bei jeder Gelegenheit rezitiere. Deshalb habe ich auch vorgestern im Wartezimmer meines Hausarztes, allen Patienten, mit Lyrik die Zeit auf angenehme Weise verkürzt. Ich hatte den Eindruck, dass alle, nun ja, bis auf einige Kulturbanausen davon sehr angetan waren und noch mehr hören …« »Mama, das hast du wirklich getan?«, wollte Ernst wissen. »Ja klar, selbstverständlich Sohnemann. Gleich nach meinem Arztgespräch bin ich nochmals ins Wartezimmer gegangen und habe weiter rezitiert. Meine Faszination für Lyrik gebe ich einfach zu gern an andere weiter.« Ich hörte, wie unser jüngerer Sohn seinem älteren Bruder zuflüsterte: »Wie peinlich war das denn. Zum Glück haben wir alle einen anderen Hausarzt.« Laut vernehmbar sagte er: »Schicksalsgemeinschaft Wartezimmer nenne ich das. Wenn du dabei bist, Oma, dann ist wenigstens immer was los. Daumen hoch! Supercool! Stille im Wartezimmer ist irgendwie Mega peinlich. Zum Glück ist manchmal Zeitschriften Geraschel zu hören. Na ja, ich habe sowieso immer Knöpfe in den Ohren und höre Musik.« Ich lächelte ihn an und sagte: »Ich verstehe dich gut. Durch Stille kann schon manchmal eine angespannte Stimmung herrschen. Als sehr angenehm empfinde ich deshalb leise Musik im Wartezimmer.« Jetzt meldete sich mein Schwiegervater zu Wort: »Ach ihr zwei seid einfach zu sensibel. Ja, die jungen Leute von heute schauen immer nur mit gesenktem Kopf auf ihre Handys und verlernen noch das Sprechen. Ich unterhalte mich immer sehr gern mit anderen Mitpatienten über Krankheiten, weil wir eine Schicksalsgemeinschaft sind. Ich habe so schon viel dazu gelernt. Eine lange Wartezeit macht mir deshalb nichts aus.« Unsere Kleine entrüstet: »Aber Opa. Warten ist doch ganz, ganz schrecklich langweilig. Zum Glück sind Mami oder Papi immer bei mir. Wir spielen etwas oder sie lesen mir vor. Aber manchmal, da lese ich ihnen aus einem Bilderbuch vor. Da kann ich dann vieles erfinden.« Jetzt kicherte sie. »Du Mami, wenn wir warten müssen, bist du viel leiser und ruhiger als zu Hause. Nicht so lustig. Aber du Papi, du bist im Wartezimmer genauso wie immer.« Unser Großer: »Ja, Papa, ist immer Papa. Okay, fast immer. Mama, du bist sowieso vielfältiger unterwegs. Das kann sehr interessant sein.« Er grinste mich an. »Ich bin jedenfalls im Wartezimmer immer extrem entspannt. Mir ist es egal, ob still oder lärmig. Meistens daddele ich sowieso auf meinem Smartphone herum oder telefoniere. Ich bin da wie du Papa.« »Ja, grundsätzlich schon. Aber es kommt auf den Grund des Wartens an. Da kann ich schon auch mal angespannt sein. Jetzt aber mal was ganz anderes. Ich habe spontan eine prima Idee.« Mein lieber Ernst schmunzelte. »Zum nächsten Arztbesuch nehme ich meine Gitarre mit und werde die Schicksalsgemeinschaft Wartezimmer mit Spiel und Gesang erfreuen. Das Geld, was zusammenkommt, ist dann für die Kaffeekasse.« Unsere kleine Tochter erklärte sich spontan bereit, mit einem Hut in der Hand die Wartenden um Spenden zu bitten. Ich dachte, sollte sie diese Wesensart von Oma Erni und Ernst geerbt haben? Dieser machte mir den Vorschlag, ihn mit einem Körbchen, voll mit Leckereien zu begleiten. Ich lehnte dankend ab, kam mir doch gleich Rotkäppchen in den Sinn. Unsere Söhne hatten für mich Verständnis. Sie waren der Meinung, dass die ganze Sache auch so schon überaus peinlich war. Der Mittlere sagte: »Oma, Papa und auch du kleine Schwester, ihr habt echt Mut zur Lücke.« Nun war die Stimmungslage im Esszimmer, der angespannten in einem Wartezimmer sehr ähnlich. Doch nur für kurze Zeit. Die köstlichen Torten und das Gebäck sorgten schnell für Gesprächsstoff und wie bekannt, beruhigt und entspannt Süßes ja die Gemüter. So war Oma Erni nach dem Kaffeetrinken sehr gern bereit, Gedichte von Goethe und Schiller vorzutragen. Auch die Jungs und Ernst erfreuten uns mit Gitarrenspiel und Gesang.
Ich dachte, ist nicht auch eine Familie ähnlich den Menschen in einem Wartezimmer eine Schicksalsgemeinschaft? Und, könnten die Ideen meiner Schwiegermutter und die meines lieben Ernst, die Wartenden mit Kunstgenüssen zu verwöhnen vielleicht zukunftsweisend sein? Wer weiß!