Ernst in "Erklärungsnot"
Es war einer dieser Nachmittage, an denen es sich unsere Familie zu Hause gern so richtig gemütlich macht, denn das Wetter war scheußlich, es regnete und stürmte heftig. Meine Schwiegereltern waren auch mit von der Partie. Unsere Kleine erzählte emotional sehr bewegt und den Tränen nahe, dass die Eltern ihrer Freundin sich scheiden lassen würden, da der Vater fremdgegangen sei und wollte von Ernst wissen: »Du, Papi? Was ist eigentlich Fremdgehen?« Plötzlich herrschte Stille, die entspannte Plauderei war unterbrochen.
Alle schauten meinen lieben Ernst an, der sich gerade einen Keks in den Mund geschoben hatte und sich jetzt lautstark räusperte. Seine Antwort kam zögerlich: »Komm erst mal auf meinen Schoß. Ja, wie soll ich es dir erklären. Fremdgehen könnte vielleicht heißen, dass der Vater sich in eine fremde Frau verliebt hat und sie gern innig küsst.« Die Kleine daraufhin sehr entrüstet: »Eine fremde Frau? Igitt. Das ist ja voll eklig. Vielleicht knutschen sie sogar?« Unser Mittlerer wollte jetzt wissen, ob Ernst und ich auch schon mal … Weiter kam er nicht, denn meine Schwiegermutter beschwerte sich an mich gewandt: »Liebes, du musst deine Kinder besser erziehen. Diese Art der Unterhaltung kann ich nicht gutheißen. Früher wäre das undenkbar gewesen, damals hat noch Anstand, Moral und Sitte geherrscht.« Mein Schwiegervater entgegnete daraufhin, dass er das Thema sehr interessant finden würde. Auch wäre es mit der sogenannten Moral früher nicht weit her gewesen, da es viele sogenannte Siebenmonatskinder gegeben hätte. Er sei gespannt, was sein Sohn weiterhin sagen würde, und könnte von sich behaupten, immer treu wie Gold gewesen zu sein.
Da Ernst auch meine Meinung zu diesem Thema hören wollte, setzte sich unsere Kleine jetzt auf meinen Schoß. Ich lächelte sie an. »Weißt du, Max, dein bester Freund, war auch mal ein Fremder für dich. Ich erinnere mich, dass er als Letzter in deine Kita-Gruppe kam, weil die Familie erst kurz zuvor hierhergezogen war.« Unsere Kleine kicherte jetzt: »Mami, der Max hat mir gleich gut gefallen. Ich fand ihn sehr süß mit seinen schwarzen Löckchen. Er ist noch hübscher als Papi.« Sie grinste Ernst an. Dieser schmunzelte, strich sich mit der Hand über seinen Kopf und sagte: »Na ja, die süßen Löckchen sind verschwunden, aber sonst …« Unsere Kleine an mich gewandt: »Mami, der Max ist deshalb mein bester Freund, weil wir so gern zusammenspielen. Wir wissen einfach, was wir Lustiges spielen wollen und wie wir das machen. Die Jule, meine zweitbeste Freundin, ist dann sauer und böse auf mich. Dann bin ich auch sauer und wir zanken uns. Mit dem Max streite ich auch manchmal, weil er mit Phillip Fußball spielt und nicht mit mir. Na ja, ich kann das auch nicht so gut. Ist mir aber auch egal, weil ich Fußball ziemlich blöd finde.« Ich streichelte ihre Wange. »Dann solltest du das auch nicht machen, dich aber für Max freuen, dass Philipp mit ihm spielt und du in der Zeit vielleicht mit einem anderen Kind. Du siehst, auch Freunde finden nicht immer das Gleiche toll und schön. Man sucht sich dann dafür jemand anderen und mag denjenigen in diesem Moment auch lieber. Das geht uns allen so. Vielleicht ist es Jules Eltern ähnlich ergangen. Ihr Vater hat eine andere, fremde Frau kennengelernt, mit der er sich viel besser versteht als mit ihrer Mutter, weil sie gleiche Interessen und auch mehr Spaß zusammen haben. Das passiert manchmal und ist für Erwachsene eine ebenso schwierige Situation, wie für euch Kinder, weil man den anderen enttäuscht, traurig macht und dann viel streitet.«
Ernst sehr erleichtert, einer ausführlichen Stellungnahme entgangen zu sein: »Schatz, ich hätte es nicht besser sagen können. Bin ganz deiner Meinung.« Unsere Kleine, die gern an Themen dranbleibt, Ernst behauptet, dass sie das von mir hätte, wollte nun erneut von ihm ausgesprochen neugierig wissen: »Du, Papi, bekommt eine Frau etwa ein Siebenmonatskind, wenn sie beim Liebe machen den Mann nicht so richtig doll liebhatte, und was ist eigentlich treu wie Gold?« Mein lieber Ernst, der in diesem Moment genussvoll und sehr entspannt auf einem Keks kaute, räusperte sich erneut ausgesprochen heftig. Er sah mich jetzt lang, etwas hilflos lächelnd an. Ich lächelte zurück. Er wartete, seinen Blick weiterhin lächelnd auf mich gerichtet, zögerte mit einer Antwort, sah dann seinen Vater an, grinste, und sagte: »Frag doch den Opa, der weiß da anscheinend bestens Bescheid.« Dieser sagte, leicht verdattert, mit einem Seitenblick meine Schwiegermutter im Visier: »Äh, …«