"Schattenhürdenspringen"
Es ist mir mal wieder nicht gelungen. Ich habe „es“ nicht hinbekommen. Mal wieder nicht! Dabei hatte ich „es“ mir doch so fest vorgenommen. Dieses Mal springst du über deinen Schatten! Aber der Schatten wurde mal wieder zu einer „Schattenhürde“. Selbstmitleid steigt in mir auf und Unzufriedenheit macht sich breit. Ich bin im Unfrieden mit mir. Kein schönes Gefühl.
Warum konnte ich nicht so handeln wie Frau oder Herr Meier, Müller oder Schulze? Für die war es offenbar leicht. Oder sollten sie in anderen Situationen auch empfinden wie ich? „Es“ nicht hinbekommen und diesen Unfrieden auch kennen? Ist „Schattenhürdenspringen“ eine Sportart, die viele, vielleicht jeder kennt? Ein Volkssport also und anstrengend, wie Sport nun mal ist. Sollte er etwa Teil und Sinn unseres Lebens sein? Ich ahne, dass wir lange üben werden. Vielleicht lebenslang? Könnten die Schatten kürzer werden und die Hürden nicht mehr so hoch erscheinen, wenn wir die „Schattenhürden“ bewusst suchen? Vielleicht. Diesen Gedanken empfinde ich als tröstlich und fühle friedliche Entspannung. Ein gutes Gefühl. Könnte die „Schattenhürdensuche“ eine schnelle Lösung sein, um nicht dauerhaft üben zu müssen?
Eine andere Möglichkeit wäre, das „Nicht-Hinbekommen“ bewusst und friedlich anzunehmen. Auch ein guter Gedanke. Ich werde versuchen, friedliche Gedanken für ein friedliches Gefühl zu suchen – für ein friedliches Leben.
Dieser Textabschnitt wurde im Mitteilungsblatt "Wetteraner Bote" der Stadt Wetter/Hessen veröffentlicht.
Einige Zeit ist vergangen, und es ist bei der Suche geblieben. Friedliche Annahme sind schöne Worte, die jedoch weitaus schwieriger zu leben sind.
Warum kann ich meine mentalen Blockaden nicht akzeptieren und will weiterhin „Schattenhürden“ überspringen? Glaube ich, dass nach dieser Anstrengung „alles gut“, besser als bisher sein könnte? Was hoffe ich zu gewinnen? Vielleicht wird alles schwieriger? Könnte Verluste erleiden. Und wird es mir möglich sein, heiter zu scheitern, falls ich stolpere? Warum eigentlich erwarte ich zu scheitern? Könnte ja gutgehen. Liegt dieser Drang, „weiterzugehen“ – sich zu bewegen, in der Hoffnung auf „mehr“ –, auf „fortschreitende Weiterentwicklung“, in der Natur des Menschen als lebendigem Wesen? Gibt uns dieser Gedanke Kraft, den „Schattenhürdensprung“ zu wagen? Trotz Anstrengung und Furcht? Immer wieder neu?
Eine Stimme rät mir, es wäre vielleicht besser, statt Hürden zu überwinden, einen Tunnel zu durchschreiten, wo das Licht, am Ende, schon zu sehen ist. Soll in kleinen Schritten gehen, nichts überstürzen, um nicht zu stolpern, und danach nicht mehr aufzustehen? Soll etwas ganz anderes machen, falls es nicht weitergeht, um in die richtige Richtung zu kommen. Welche Richtung ist die richtige? In die, wo „es“ das Licht, vielleicht das der Erkenntnis, schon zu sehen ist?
Im Traum sah ich „es“: etwas Helles, Strahlendes am Ende des Tunnels, den ich langsam, in kleinen Schritten, ganz leicht, ohne Mühe und Angst durchschritt. Gleichzeitig sah ich mich selbst in diesem Licht stehen. Mit offenen Händen konnte ich „lebendiges Wasser“ umsonst verteilen, weil ich so erfüllt von diesem „inneren Reichtum“ war, dass dieser über mich hinaus sprudelte. Konnte geben, wonach ich selbst suchte: Liebe, die auf sehr vielfältige Weise erkenn- und erfahrbar ist.
Durchschritt ich trotzdem weiterhin einen Tunnel, hin zum Licht, auf der Suche nach diesem „lebendigen Wasser“? Nach noch „mehr“ davon?
Als ich wach wurde, hatte ich die Antwort vergessen. Werde ich sie im nächsten Traum finden? Oder (auch) im Leben?