Renovierungsprobleme
»Also, meine Lieben, und morgen, ja, Schatz, morgen wird endlich das Wohnzimmer und demnächst unser Schlafzimmer gestrichen. Sicher gab es triftige Gründe meinerseits, dass die Renovierungstermine mehrmals verschoben werden mussten. Ich kann mich zwar nicht an diese erinnern, aber, nun gut.« Mein lieber Ernst räusperte sich. »Denn als Mann der Tat bekannt, ist Verschieberitis eigentlich ein No-Go für mich. Über die Notwendigkeit der anstehenden Aktion könnte man zwar weiterhin geteilter Meinung sein, aber okay. Jetzt sollten wir uns die passende Farbe überlegen, damit ich sie besorgen kann. Jeder der Anwesenden kann seine Vorschläge einbringen«. Ich dachte: Nehme ich gerade an einer seiner Teamsitzungen teil, dessen Leitung selbstverständlich er, der Chef hat? Da dieser sich heute selbst zum häuslichen Renovierungschef ernannt hat, ist er auch für Ablauf und Ergebnis verantwortlich. Ich sah dem morgigen Tag sehr entspannt entgegen.
Die darauffolgende Diskussion war recht lebhaft. Meine Schwiegermutter, die zufällig zu Besuch war, und unsere Kleine gaben Tapeten mit Goldstreifen und Blumenranken für unser Wohnzimmer den Vorzug. Die Jungs, Ernst und ich, plädierten für einen unifarbenen Anstrich in Weiß oder Creme. »Schatz, für unser Schlafzimmer hätte ich gern einen beruhigenden Farbton. Vielleicht ein dezentes Taubenblau. Was meinst du?«, wollte ich von Ernst wissen.
Ehe dieser antworten konnte, mischte sich unser Großer ein: »Da ihr zwei schon sehr lange zusammen seid, würde ich euch einen anregenden Farbton empfehlen. Vielleicht ein feuriges Chili-rot?« Er grinste. Mein lieber Ernst lächelte souverän. »Ja, Schatz, taubenblau würde mir auch gefallen. Und dir, Sohnemann, könnte ich, falls es in deinem Liebesleben holpern sollte, als Mann mit langjähriger Erfahrung sehr gern Tipps zu diesem Thema geben.« Jetzt mischte sich meine Schwiegermutter ein. Sie sagte entrüstet: »Über diese Dinge so offen zu sprechen, schickt sich nicht. Wir waren seinerzeit diesbezüglich sehr viel zurückhaltender.« Unser Mittlerer konterte recht forsch: »Ja, Oma, du vielleicht. Aber Opa hat mir neulich sehr begeistert erzählt, dass es in seiner Jugend die Flower-Power-Bewegung, die Hippies und die freie Liebe gab.« Jetzt schloss mein lieber Ernst kurz seine Augen, holte tief Luft, räusperte sich gut hörbar und ließ uns wissen, dass, wenn alle mithelfen würden, der Anstrich des Wohnzimmers bis morgen Abend ganz sicher zu schaffen sei.
In diesem Moment klingelte mein Handy. Es war Daniel, den ich schon länger von Koch-Workshops kannte. Dieser informierte mich, dass der nächste auf den morgigen Samstag vorverlegt worden sei. Er würde sich freuen, mich trotzdem dort zu sehen. „Ernst, wäre das okay für dich?“ Unser Großer grinste. »Mama, Daniel würde sich bestimmt sehr freuen, oder bist du anderer Meinung, Papa?« Dieser sagte mürrisch: »Ja, ist okay für mich und ja, könnte sein.« »Wer ist denn dieser Daniel?«, wollte meine Schwiegermutter interessiert wissen. Nachdem ich ihr den Sachverhalt erklärt hatte, war sie beruhigt, im Gegensatz zu Ernst, der weiter vor sich hin grummelte.
Als ich am nächsten Abend, später als gedacht, nach Hause kam, da der Koch-Workshop länger gedauert hatte, saß mein lieber Ernst im fast leer geräumten Wohnzimmer allein auf dem Sofa und spielte Gitarre. Unsere Kleine war demnach schon im Bett und die Jungs anscheinend unterwegs. »Hallo Schatz, ich habe dir eine Kostprobe vom indonesischen Essen mitgebracht«, begrüßte ich ihn sehr freundlich. Er war schlecht gelaunt und sagte mit für ihn unüblich ernster Miene: »Danke, aber ich habe keinen Hunger. Liegt wohl daran, dass heute nichts, aber auch gar nichts funktioniert hat. Dementsprechend ist hier auch so gut wie nichts passiert. Erstens, bekanntermaßen ist Renovieren nicht mein liebstes Hobby und zweitens war es im Baumarkt extrem voll. Ich war, warum auch immer, nicht so richtig bei der Sache. Prompt habe ich die falsche Farbe gekauft. Champagner statt Creme, wie du mir ausdrücklich aufgetragen hast. Anscheinend war mir nach Aufheiterung zumute. Schatz, du musst jetzt eingestehen, hätten die Jungs und ich gewagt, das Wohnzimmer in Champagner zu streichen, wäre Schluss mit Lustig gewesen. Auch wäre am nächsten Samstag der Korrekturanstrich in Creme fällig, oder etwa nicht? Außerdem hätten die Jungs und ich die Möbel, weil du es so gewünscht hättest, bestimmt zwischenzeitlich wieder einräumen müssen. Ja, und darauf hatten wir, zugegebenermaßen, keine Lust und wollten erst mal deinen Kommentar zu Champagner abwarten. Vielleicht steht dir dein Sinn ja auch nach Aufheiterung? Wahrscheinlich nicht, denn du hast dich beim gemeinsamen Kochen mit Daniel sicher bestens amüsiert.« Er räusperte sich. »Na ja, trotz allem muss ich aber ehrlicherweise gestehen, dass du uns allen und mir ganz besonders gefehlt hast. Und ja, Schatz, ich gebe es zu, du hattest recht, die Wohnzimmerrenovierung ist längst überfällig.« Er lächelte mich etwas unsicher an. »Sag schon endlich. Wie war es denn nun bei euch? Hat dein Daniel etwas anbrennen lassen?« Ich hatte jetzt Mühe, ein Schmunzeln zu unterdrücken. »Doch, ja, in der Tat. Er hat heute ausnahmsweise etwas anbrennen lassen. Und ja, der Workshop hat Spaß gemacht. Schatz, was ich dir noch sagen wollte: Vielleicht hätte ich doch besser beim Renovieren helfen sollen. Na, ja, nächsten Samstag. Versprochen. Verschieben wir das leidige Thema auf morgen? Schatz, nur weil du deine Gitarre schon in der Hand hast: Würdest du für mich etwas spielen und dazu singen?« Ich lächelte ihn an. Er zögerte kurz mit seiner Antwort, lächelte dann ebenfalls und sagte: »Schatz, wie wäre es mit …«