Zeit für ... - Barbara Kaul

Barbara Kaul - Malerei, Zeichnungen, Plastiken, Gedichte, Kurzgeschichten
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Zeit für ...


„Schatz, so ein Mittagsschläfchen ist etwas Wunderbares. Ich fühle mich richtig erfrischt. Geradezu jünger! Ein Urlaubstag während der Woche mal so zwischendurch ist einfach genial. Sollte ich öfter machen.“ Mein lieber Ernst reckte und streckte sich schmunzelnd auf unserem bequemen Sofa der ganzen Länge nach aus. „Ich habe auch etwas ganz Wunderbares geträumt. Ich hatte so viel Stunden Lebenszeit zur Verfügung wie ich wollte. Ich hatte unendlich viel Zeit um einfach nur so zu leben und zu lieben. Dich euch alle. Zeit ist das Kostbarste, was man sich selbst und anderen schenken kann. O K, Arbeitszeit, um genug Geld zum Leben zu verdienen und andere Verpflichtungen waren auch dabei, aber das waren nur Randthemen. Das Wunderbare daran war auch noch, dass alles sogar dass von mir so geliebte“ Ernst grinste jetzt „Reparieren und Renovieren fast wie von selbst passierte, weil ich überhaupt keinen Druck gefühlt habe. Nicht von außen und auch nicht in mir selbst. Alles war sehr angenehm und entspannt. Ein perfekter Seinszustand. Die Zeit floss wie ein langsamer Strom dahin. Stetig, aber ohne irgendwelche Hindernisse. Einfach perfekt. Das Beste daran war, dass wir beide, nur wir beide unendlich viel Zeit füreinander hatten, um über Gott und die Welt zu reden. Allerdings haben wir auch diskutiert, denn weiterhin waren wir leider nicht immer einer Meinung.“ Ernst und ich mussten jetzt lachen und ich sagte: „Weißt du mein Lieber, was wäre denn ein Fluss z B ohne Stromschnellen, einer der keine dicken Steine überwinden muss, die das Fließen verlangsamen und einer ohne Kurven und Schleifen? Irgendwie doch auch auf Dauer langweilig anzuschauen. Oder? Und wie wäre unser beider Leben ohne die inspirierenden, unterhaltsamen und durchaus auch witzigen Diskussionen?“ „Langweilig, weil du dann ja auch keine Gelegenheit hättest, das letzte Wort zu haben“, kam es von Ernst. Ihn umarmend sagte ich: „Schatz, genau das wollte ich auch gerade zu dir sagen und dir genau jetzt dazu eine Gelegenheit geben. Wir beide könnten doch auf ein Stündchen in unser Lieblingscafè gehen. Was meinst Du?“ Lächelnd sagte er: „Ich muss zugeben, dass du mir mit dieser schönen Idee zuvorgekommen bist.“

„Mir ist ganz schrecklich langweilig“, sagte unsere Kleine und es klang etwas jämmerlich, als sie trödelnden Schrittes ins Wohnzimmer kam. "Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich bin froh, dass ich bald in die Schule komme. Papi, spiel doch endlich mal wieder auf deiner Gitarre. Jetzt hättest du mal Zeit. Dazu können wir singen und die Mami und ich tanzen dann dazu. Papi, wann gehen wir denn wieder ins Kino? Der "Froschkönig" war so toll. Jetzt will ich aber erst mal mit dir kuscheln. Dazu hast du auch immer viel zu wenig Zeit.“ Sprach`s und schlüpfte unter seine Decke.

„Was herrscht hier denn für eine langweilige Idylle. Mit euch ist heute aber auch gar nichts los. Es sieht so aus als hättet ihr alle Zeit der Welt. Anscheinend auch du Papa. Da kannst du mir grad mal helfen. Ich will für die Nele einen Song komponieren und komme nicht klar“, kam es von unserem mittleren Sohn, als er mit seiner Gitarre unterm Arm das Wohnzimmer betrat.

Der Große, der ihm folgte, sagte: „Soviel Zeit, wie ihr hier anscheinend alle habt, hätte ich auch gern nur ein einziges Mal. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Die Schule mit ihrem ganzen Stress raubt mir Zeit und Nerven ohne Ende. Meine Neue, die Lena beschwert sich deshalb andauernd, dass wir so wenig unternehmen und da hat sie auch nicht ganz unrecht. Papa, wenn du sogar Zeit hattest, einen Mittagsschlaf zu machen, dann kannst du mir auch bestimmt bei Mathe helfen. Du weißt ja, dass ich es nicht so mit Zahlen habe. Also, dass ihr`s alle wisst, ich studiere auf gar keinen Fall BWL wie du Papa, sondern Kunst. Da kann ich öfter mal ein entspanntes Mittagsschläfchen machen.“

In diesem Moment läutete es lang anhaltend und gänzlich unentspannt an unserer Haustür. Unser Mittlerer kommentierte das, seine Augen verdrehend, mit: „Das kann nur eine sein. Oma Erni.“ Ja, und sie war es dann auch. Mit herzlichem Überschwang wie immer betrat sie das Wohnzimmer. Mein Schwiegervater kam mit einigem Abstand hinter ihr her. „Ach, wie schön zu sehen, dass ihr alle die Zeit habt, um so gemütlich im Wohnzimmer zu hocken“ und an mich gewandt sagte sie: „Liebes, da bist du dann doch so gut und kochst schnell einen kleinen Espresso für uns und du Sohnemann machst unsere Steuererklärung fertig. Wie ich sehe, hattest du ja sogar Zeit und Muße für einen Mittagsschlaf. Da bist du jetzt ausgeruht und die Sache ist schnell erledigt. Ja, dann Sohnemann auf gehts. Wir haben nicht so viel Zeit wie ihr. In einer Stunde müssen wir zu Hause sein. Da beginnt unsere Lieblingsserie und vorher machen wir natürlich noch unser kleines Nickerchen wie jeden Tag.“

Ernst sah mich an und sein Blick sagte: „Das war bis auf Weiteres mein letzter, ach so genialer Urlaubstag einfach mal so zwischendurch!

Text wurde weitergeleitet an die Vereinsmitglieder der "Kunstfreunde Wetter" und andere lesebegeisterte Menschen

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