Klassentreffen - Barbara Kaul

Barbara Kaul - Malerei, Zeichnungen, Plastiken, Literatur
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Klassentreffen

Neulich war Klassentreffen, nach 25 Jahren. Die Meisten waren gekommen, interessiert zu hören, wie es den ehemaligen Mitschülern wohl ergangen war.
Viele waren berührt, denn alte Geschichten wurden erzählt, Lustiges und Melancholisches. Die Stimmung war emotional aufgeladen, Tränchen der Rührung waren zu sehen. Mancher war zu diesem Treffen in die „alte Heimat“ angereist und so war es irgendwie naheliegend, dass der Begriff „Heimat“ ein abendfüllendes Thema wurde.
Einige der Anwesenden waren sich einig, dass Heimat nur der Geburtsort sein
konnte, da wo man seine Wurzeln hat. Das war doch ganz klar!!
Eine Diskussion entfachte sich, viele Stimmen schwirrten durch die Luft. Die unterschiedlichsten Meinungen waren zu hören.

„Der Ort an dem ich jetzt lebe ist meine Heimat. Ich habe mich neu verwurzelt.“
„Ich fühle mich zu Hause in mir selbst, wenn ich das tue was mir Identität gibt.“
„Da, wo ich jetzt lebe und meine Kinder geboren sind, da ist meine Heimat.“
„Ich bin schon so oft umgezogen, ich bin „heimatlos“, konnte nirgendwo Wurzeln schlagen.“
„Mein Geburtsort war nie ein zu Hause für mich. Die Lebensumstände waren schwierig. Es ist mir schwergefallen, heute hierher zu kommen.“
„Ich habe es versäumt meine Heimat zu verlassen. Ich hätte aber vielleicht meinen Horizont erweitert.“
„Ich finde Heimat in meinem Glauben, in meiner Religion.“
„ Wenn ich am Meer bin spüre ich Heimatgefühle.“

Unser Klassenlehrer hörte schweigend zu, nachdenklich, auch schmunzelnd. Er räusperte sich, um sich dann mit klaren Worten Gehör zu verschaffen.
So war er schon damals, wenn es laut wurde im Klassenraum. Er war streng aber  gerecht und immer glaubhaft. Ein Mann mit Charisma.
„Also, ich fühle mich da zu Hause, habe da meine Heimat, wo ich ganz ich selbst sein kann, keine Rolle spielen muss, mich die Menschen lieben, mich mögen, so wie ich bin, ganz pur eben. Das fühlt sich für mich richtig an, ganz warm. In jeder Eurer Meinungen hat ja auch das Gefühl die tragende Rolle gespielt. Es hat mich sehr berührt euch zu zuhören, ich habe mich euch nah gefühlt.“
Viele der Teilnehmer stimmten ihm zu. Er hatte es, genauso wie damals, auf den Punkt gebracht. Durch die offen geführte Diskussion war auch eine allgemeine Nähe entstanden
Jemand äußerte, ein wenig ergriffen, dass dieses Klassentreffen in ihm ein Heimatgefühl ausgelöst habe. Viele klatschten Beifall. Hatten auch noch andere dieses Gefühl?

Diese Kurzgschichte wurde im Gemeindeblatt "Lahntal aktuell" Ausgabe 2020 Nr. 24 veröffentlicht

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